20 Jahre FREISCHWIMMEN – Plattform für Performance und Theater steht vor dem Aus

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FREISCHWIMMEN ist seit 2004 die Plattform für Performance und Theater im deutschsprachigen Raum.

Als Netzwerk sind wir nicht für eine Weiterförderung 2024-2025 durch das Förderprogramm „Verbindungen fördern!“ des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste (BFDK) ausgewählt worden. Damit droht der gemeinsamen Produktionsplattform von 8 Theatern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nach 20 Jahren nun das Aus.

Förderung auf langer Strecke = nachhaltige Förderung

Seit 2004 setzt sich FREISCHWIMMEN für die Entwicklung und Förderung künstlerischer Handschriften und Arbeitsbiografien von Nachwuchskünstler*innen auf der nationalen und internationalen Qualifizierungsebene ein: Als gewachsenes Netzwerk im Mittelsegment der Produktionshäuser im deutschsprachigen Raum (aktuell: SOPHIENSÆLE Berlin, Schwankhalle Bremen, HochX München, LOFFT–DAS THEATER Leipzig, FFT Düsseldorf, Theater Rampe Stuttgart, Gessnerallee Zürich und Brut Wien) bieten wir dem künstlerischen Nachwuchs aus den Performing Arts eine mehrjährige Begleitung, die Raum für künstlerische Entfaltung öffnet, Vertrauen aufbaut, nachhaltige Produktionsstrukturen schafft und internationale Sichtbarkeit ermöglicht.

Sichtbarkeit durch FREISCHWIMMEN

So hat das Netzwerk viele mittlerweile international erfolgreiche Künstlerinnen zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn begleitet: Milo Rau, Monster Truck, God’s Entertainment, andcompany&Co., Thom Luz, Herbordt&Mohren, Fräulein Wunder AG, Turbo Pascal, Markus&Markus, Billinger&Schulz, Caroline Creutzburg, Simon Mayer und viele weitere Regisseurinnen und Gruppen haben mit FREISCHWIMMEN einen wichtigen Schritt in ihrer künstlerischen Biografie gemacht und sich international verknüpfen können. Bis jetzt waren es 86 Gruppen und Einzelkünstlerinnen. Ihre Entwicklung hat Vorbildcharakter für nachfolgende Generationen von Künstlerinnen und die Zusammenarbeit von Förderern und Institutionen mit der Freien Szene.

FREISCHWIMMEN schließt eine Professionalisierungslücke

Mit Residenzen, Workshops, Showings und Laboren fördert FREISCHWIMMEN die individuelle künstlerische Entwicklung, prozessorientiertes Arbeiten und den gemeinsamen Austausch zu Ästhetiken und Arbeitsweisen unter den beteiligten Künstler*innen und mit den Partnerhäusern.

Mit Koproduktionsbeiträgen, Gastspielen im Produktionshäuserverbund und einem biennalen Festival bietet FREISCHWIMMEN fundierte Produktionsunterstützung und internationale Sichtbarkeit. FREISCHWIMMEN stärkt überdies den Wissenstransfer zwischen den Häusern und ermöglicht ihnen eine substanzielle Weiterentwicklung der eigenen Strukturen in den Zukunftsfeldern Diversität, Barrierefreiheit, Nachhaltigkeit und machtkritisches Arbeiten, wovon wiederum Künstler*innen der Regionen profitieren, die den Netzwerkhäusern verbunden sind.

FREISCHWIMMEN steht für eine kontinuierliche, qualifizierte und qualifizierende Künstler*innenförderung

Wir agieren bundesländerübergreifend und stützen dabei insbesondere Szenen und Häuser aus strukturschwachen Regionen. Hierzu zählen auch kleinere, aber lokal sehr relevante Produktionshäuser wie das HochX in München, die Schwankhalle in Bremen oder das LOFFT in Leipzig. Alle Netzwerkpartnerinnen verfügen nur über einen minimalen künstlerischen Etat und können FREISCHWIMMEN nicht aus Eigenmitteln tragen. Die Netzwerkaktivitäten wurden bis 2020 durch punktuelle Projektförderungen ermöglicht, mit „Verbindungen fördern!” hat FREISCHWIMMEN 2020-2023 eine Fördersumme i.H.v. 1.500.000 € erhalten. Für 2024-2025 wurde trotz reduzierter Fördersumme eine bedarfsgerechte, innovative und nachhaltige Künstlerinnenförderung konzipiert und 600.000€ beantragt. Nur im geförderten Zusammenschluss können wir Künstler*innen zeitgemäße professionelle Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Möglichkeiten des prozessorientierten Arbeitens bieten.

Als einziges Netzwerk sind wir seit Anbeginn auch nachbarländerübergeifend aufgestellt und ermöglichen mit den Partnerhäusern in der Schweiz und in Österreich einen Austausch im deutschsprachigen Raum, der sonst durch alle Förderraster fällt.

Es ist klar: FREISCHWIMMEN besetzt eine wichtige Mittlerposition zwischen den großen Produktionshäusern und den Häusern in der Fläche und kann so Künstlerinnen auf dem Weg von der regionalen zur überregionalen und internationalen Sichtbarkeit begleiten. Wie das Freischwimmen meets Rodeo-Festival 2022 in München gezeigt hat, wirkt FREISCHWIMMEN auch kulturpolitisch und ist ein entscheidender Push-Faktor für die Weiterentwicklung der lokalen Freien Szenen – und das genreübergreifend. FREISCHWIMMEN hat eine Form nachhaltiger Künstlerinnen- und Strukturförderung geschaffen, die noch immer modellhaft ist!

Durch die Förderabsage droht dem Netzwerk nach zwei Jahrzehnten erfolgreicher Arbeit das Aus. Und das ausgerechnet in dem Jahr, in dem das Netzwerk im Rahmen des Festivals X Tage Freischwimmen in Stuttgart sein 20-jähriges Jubiläum feiern wollte.

Die Folgen für die gesamte Szene der Freien Darstellenden Künste sind gravierend:

  • Wegbrechen einer wichtigen Säule der künstlerischen Produktion im deutschsprachigen Raum
  • Wegfall von Residenz- und Gastspielmöglichkeiten, u.a. im Rahmen eines biennalen Festivals
  • Verlust internationaler Vernetzung und Sichtbarkeit von Künstler*innen und Gruppen
  • Abbruch des intensiven Austausches zwischen Künstler*innen und Häusern unterschiedlicher Regionen, der für die Entwicklung ästhetischer Ausdrucksweisen der Freien Szene essenziell ist 
  • Stagnation der inhaltlichen und praktischen Auseinandersetzung mit wichtigen Zukunftsthemen sowie der Abbruch angestoßener Entwicklungen im Bereich Barriereabbau, Zugänge, Gewinnung neuer Publika etc.

Nachhaltige Netzwerkarbeit braucht starke Verbindungen und Verbündete

Die Absage der Förderung für die Jahre 2024-2025 im Bundesprogramm „Verbindungen fördern!“ macht uns fassungslos und ist für uns in keiner Hinsicht nachvollziehbar. Das Programm wurde ins Leben gerufen, um die Förderung bundesländerübergreifender Netzwerkstrukturen zu ermöglichen und so einen verlässlichen, nachhaltigen und kollegialen Kunst- und Wissenstransfer zu schaffen. Besonders bitter: FREISCHWIMMEN war an der Genese und Entwicklung dieses Programms maßgeblich beteiligt!

Wir fragen uns, was Nachhaltigkeit in diesem Zusammenhang bedeutet, wenn die langjährige erfolgreiche Arbeit eines Netzwerks im Bereich Künstlerinnenförderung ein so jähes, ja brachiales Ende erfährt. Wir sehen die Stärken unseres Netzwerks gerade in der eingeübten, vertrauensvollen und wertschätzenden Zusammenarbeit der Produktionshäuser und ihrer Fähigkeit, gemeinsam auf die Bedarfe der Künstlerinnen einzugehen.

In den kommenden postpandemischen Jahren braucht unsere Kulturszene mehr denn je Netzwerke und Verbünde. Nur in gemeinsamen Schulterschlüssen lassen sich die Herausforderungen bewältigen, um auch in Zukunft bestmögliche Bedingungen für künstlerisches Arbeiten realisieren zu können. FREISCHWIMMEN möchte und muss weiterhin Teil dieses Prozesses sein, um Verantwortung gegenüber der Szene zu übernehmen – ob und wie wir diese Netzwerkarbeit fortsetzen können, ist ungewiss. Um die gewachsenen Strukturen von FREISCHWIMMEN zu erhalten und weiterzuentwickeln, braucht es nun mutige, transparente und substanzielle Entscheidungen von Partnerinnen, Unterstützerinnen und Förderer*innen, die Entscheidungen für die professionellen freien darstellenden Künste sind.

Denn, FREISCHWIMMEN soll nicht untertauchen!

Das Netzwerk FREISCHWIMMEN:

SOPHIENSÆLE Berlin

FFT Düsseldorf

Gessnerallee Zürich

Brut Wien

Theater Rampe Stuttgart

Schwankhalle Bremen

LOFFT-DAS THEATER Leipzig

HochX München